Meisterwort

Ein Meisterwort von Hans-Peter Meißner: Brauchen wir Freundschaften? Wozu?

Gedanken darüber, warum wir uns heute hier, außer zu unserem 277. Stiftungsfest der Loge „Absalom zu den drei Nesseln“ auch noch zusammengefunden haben könnten: Freundschaft.

Man könnte etwas spöttisch bemerken: Seit der sich unaufhörlich verknüpfenden Globalisierung brauchen wir überhaupt keine Freundschaften mehr. Freundschaften sind hinderlich in unserer Welt. Freundschaften bremsen uns im Alltag nur aus.
Unsere Zeit ist bestimmt durch Geschwindigkeit, Dynamik und durch die technische Ausweitung des Wissens und der Kommunikation. Alles ist mit kurzen Halbwertzeiten behaftet, als leicht verderbliche Kost. Jede freundschaftliche Bindung steht unserer Dynamik in diesem rasanten Zeitgeschehen nur entgegen.

Man könnte meinen: Beziehungen, vor allem Geschäftsbeziehungen sind da sehr viel nutzbringender, weil sie zielgerichteter eingesetzt werden können.
Wir benötigen im beruflichen wie im privaten Leben natürliche Bedürfnisse; und davon möglichst viele, die sich in ihren unterschiedlichen Inhalts- und Persönlichkeitsaspekten ergänzen und möglichst wenige Schnittmengen haben, wollen wir doch möglichst viel aus diesen Bündnissen ziehen können. Alles muss einen Nutzen haben. Alles ist auf den Zeit-Nutzeneffekt ausgerichtet. Kein Nutzen mehr – vertan die Zeit! Wozu noch Pflegeaufwand der Verbindung? Sie nehmen nur Zeit in Anspruch, diese Zweckbündnisse. Dann gibt es da noch die Netzwerke zum Austausch von Informationen, von Kenntnissen. Sollten sie tiefer gehen, auch Befindlichkeiten und Betroffenheit
Das war es.

Brauchen wir Freundschaften? Wozu?

Unser Ritual fragt am Ende: Wodurch soll sich ein FM von anderen Menschen auszeichnen?

Die Antwort: „Durch ein vorbildliches Verhalten, ein von der Sklaverei der Vorurteile befreites Denken und echte Freundschaft unter den Brüdern.“
Im Gegensatz zu den Eingangsüberlegungen haben wir aus unserem Ritual heraus einen eindeutigen Auftrag für unser Denken und Handeln, zumindest in unserer Logenwelt. In unseren Lehrgesprächen heißt es auch, dass Verschwiegenheit eine unserer Tugenden sein soll. Sie ist somit Voraussetzung für Freundschaften in einem Bruderbund. Die Grundlage von Vertrauen.

Was hat es denn nun auf sich mit der Freundschaft?
Die ersten Aussagen sind sicher erschreckend gewesen. Aber finden sie nicht zunehmend ihre Entsprechung in dem sich Zurückziehen in die Privatsphäre?
Möge sich doch bitte ein Jeder nur um die Dinge kümmern, die ihn etwas angehen.
Das scheint eine Zeiterscheinung zu sein.
Aussagen wie: “Kümmere Dich doch bitte nicht um Dinge, die Dich überhaupt nichts angehen“, stehen der Antwort gegenüber: „Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches sollte mir fremd sein“

Und dennoch, wenn jeder an sich denkt, ist doch an jeden gedacht.

Wo liegt das Problem?

Die großen Philosophen haben sich mit der Freundschaft beschäftigt, weil sie das Thema für bedenkenswert empfanden.
So definiert Aristoteles zum Beispiel Freundschaft als Mitte zwischen Aufgeschlossenheit, Verbindlichkeit und Gefallsucht, Schmeichelei und Streitsucht.
Er sagt richtig, dass Freundschaft kein Grund sei, auf Kritik um der Wahrheit willen zu verzichten.
Für Kant ist Freundschaft eine unerreichbare Idee, nach der es ehrenvoll zu streben Pflicht ist. Kennzeichen der Freundschaft ist für ihn die gleiche wechselseitige Zuneigung und Achtung. Eine Verbindung von zwei Menschen, die nicht auf gegenseitigen Vorteilsnahmen beruht.

Versuchen wir konkret, zu uns zu kommen.
Fühlen wir doch alle instinktiv – wir brauchen Freunde – Freundschaften.
Doch wozu sind sie wirklich gut?
Mit der Aussage von Aristoteles, dass Freundschaft etwas schlechthin Schönes sei,
gibt sich heute niemand mehr zufrieden.
Heute möchte schon ein jeder genauer hinschauen und bewiesen haben, warum er sich um eine Freundschaft bemühen sollte. Das bei diesen Gedanken nichts eine Einbahnstraße ist, darf dabei nicht aus dem Auge verloren werden.
Wie wunderbar ist es, wenn man sich dem Gegenüber offenbaren kann, dem Freund, dem Verschwiegenen, dem, dem ich vertrauen kann.
Es ist der Freund, der, in gut gesetzten Worten mir sagt, wenn ich nicht gut getan habe oder falsch liege. Mich tröstet oder ermutigt.
Er will helfen, nicht verletzen. Er will Stütze sein – das weiß ich – darum lohnt sich alle Mühe. Freundschaft und Vertrauen gehören zusammen, denn Vertrauen ist die Voraussetzung für Freundschaft.

Mit niemandem macht es mehr Freude Zeiten gemeinsam zu erleben, zu genießen, als mit dem Freund. Gemeinsames Erleben schmiedet zusammen, festigt die Verbundenheit.
Ein weiterer Effekt ist, dass durch den Freund Aspekte in unser Leben eingebracht werden, die wir selbst nicht abdecken, die uns bereichern.
Unterschiedliche Erfahrungen und Gefühle kommen zueinander – sie lassen Fähigkeiten gedeihen, denen zuvor der Zugang versperrt war.
Der Synergieeffekt entsteht, weil keine gegenseitigen Positionen zu erlangen angestrebt wurde, Idealerweise nie Thema waren.

Dem Jüngern helfen Freundschaften dabei, Fehltritte zu vermeiden, dem Älteren bieten sie Fürsorge und Mithilfe. Freundschaften beinhalten auch Pflichten, für den anderen da sein, wenn es erforderlich ist. Herauszuhören, ob Hilfe erforderlich ist, auch wenn solche sich nicht gleich zu erkennen gibt. Die Ausprägung, der Umfang von Freundschaft ist eher individuell zu sehen. Um Tiefgang und Vertrautheit zu erlangen, reduziert sich der Bereich, denn, ein guter Freund verdrängt hundert oberflächliche.

Wir Freimaurer sind der festen Überzeugung, dass wir Freundschaften benötigen und sogar unser Ritual hat uns dies als Aufgabe auferlegt.
Es gibt wohl kaum eine schönere Beschreibung der Notwendigkeit von Freundschaft und Treue, als das Schillersche Gedicht „Die Bürgschaft“.
Eine eindringliche Beschreibung wie ein Freund den anderen benötigt, um noch eine Aufgabe zu erledigen. Hier ist der Andere bereit, sein Leben als Pfand zu geben, wissend, dass der andere ihn nicht im Stich lässt und sich aus dem Staub macht.
Am Ende wird das Herz des Tyrannen von der Freundschaft besiegt und erweicht, denn der Freund kommt zurück, das Pfand einzulösen. Der Tyrann in der letzten Strophe:

„Und blicket sie lange verwundert an. 
Drauf spricht er: »Es ist euch gelungen, 
Ihr habt das Herz mir bezwungen; 
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn – 
So nehmet auch mich zum Genossen an: 
Ich sei, gewährt mir die Bitte, 
In eurem Bunde der dritte!«
Doch, Freundschaften gibt es nicht nur zwischen Menschen, auch zwischen Staaten sind sie möglich und notwendig.
So, wie es sie in zunehmender Weise zwischen unseren Logen gibt.
Sie erweitern die Horizonte, schaffen zwischenbrüderliche Verbindungen, stärken das Bewusstsein ob unserer Aufgaben.

Die Brüder, die vor uns ihre Werkzeuge aus der Hand gelegt haben, reichten uns das Staffelholz der Brüderlichkeit und der Freundschaft weiter.
Sie lehrten uns und haben ihr Wissen über die Freimaurerei an uns weitergegeben, damit wir diese Gedanken an unsere Nachfolger sinnvoll übergeben können.
Als Brüder sind wir der Freundschaft verpflichtet und wollen es auch sein.
Sie ist in unserer Zeit der Umbrüche, Desorganisation und Unsicherheit ein stabilisierender Faktor.

Stellen wir uns abschließend die menschliche Gemeinschaft und die sie verbindenden Freundschaften als einen aus Steinquadern zusammengefügten Rundbogen vor. Dieser würde augenblicklich einstürzen, wenn sich die Steine nicht wechselseitig am Einsturz hindern würden.
Es scheint paradox, aber in seiner Hinfälligkeit liegt der feste Halt des Bogens begründet. In seinem ernsthaft freundschaftlichen Verbund hat unsere gute Bauhütte Absalom seit 277 Jahren ihren Bestand gesichert.
So wollen wir es heute – und für die Zukunft – halten.

Ich danke Euch.

Bruder Hans-Peter Meißner